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Klaus Lederer am 9.11.2018 beim Shabbatgottesdienst, Synagoge in der Pestalozzistraße.

Erinnerung an den antijüdischen Terror 1938

Grußwort des Senators für Kultur und Europa, Dr. Klaus Lederer zur Eröffnung der Ausstellung »Kristallnacht.« Antijüdischer Terror 1938. Ereignisse und Erinnerung.

Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 158, 10. November 1938, gegen 15 Uhr:

In Sichtweite der noch rauchenden Synagoge in der Fasanenstraße stehen einige Mitarbeiter jüdischer Organisationen, welche an diesem Tag von der Gestapo geschlossen worden waren.

Unter ihnen sind Hans Reichmann, Rechtsanwalt beim Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und sein Kollege Franz Eugen Fuchs. Später erinnert sich Reichmann:

Fuchs und ich können nicht feststellen, ob die Menschen um uns erregt sind. Zwischen uns und ihnen steht eine Wand. Wir haben miteinander nichts mehr zu schaffen. Was sie denken mögen, das können wir uns vielleicht noch vorstellen. Wie es in uns aussieht, das ahnen sie nicht. ›Wie wird man diesen Tag in der Geschichte nennen?‹, fragt Fuchs. ›Den 10. Aw. Aber der Tag ist noch nicht zu Ende!‹.

Den Juristen Reichmann und Fuchs, die sich jahrelang mutig um den Schutz der deutschen Juden gegenüber dem Naziregime bemüht hatten, suchen nach einem Begriff für das, was um sie herum passiert.

Franz Eugen Fuchs findet ihn in einem religiösen Bild.

Aw bildet den elften Monat des (bürgerlichen)  jüdischen Kalenders (nach dem religiösen jüdischen Kalender ist AW der 5. Monat).

Der 9. Aw ist der mit strengem Fasten, Gebeten und Klageliedern begangene Trauertag zum Gedenken an die Zerstörungen des Tempels in Jerusalem (576 v. Chr. sowie 70 n.Chr.; außerdem wurden am 9. Aw 5050 bzw. 1290 n.Chr. sämtliche Juden für nahezu vier Jahrhunderte aus England vertrieben).

Nach den Vorstellungen von Franz Eugen Fuchs war nun also der 10. Aw angebrochen, ein neuer Trauertag.

Meine Damen und Herren –

Wie wird man diesen Tag in der Geschichte nennen? 

Dieser Frage geht auch die Ausstellung nach, die wir heute eröffnen. Als erste Ausstellung überhaupt widmet sie sich der Erinnerungsgeschichte des November 1938. Diese Erinnerung beginnt spätestens zum ersten Jahrestag 1939.

Es sind die Opfer, die zurückblicken, während sie, soweit sie noch in Deutschland leben, in immer größere Gefahr geraten. Und am 9. November 1945, am siebten Jahrestag, dem ersten nach Kriegsende, sind es hauptsächlich die wenigen Überlebenden, die sich versammeln.

Die Bevölkerungsmehrheit, mit der Nachkriegsnot konfrontiert, empfindet sich selbst als Opfer und ist nicht bereit, sich mit dem Schicksal der jüdischen Nachbarn auseinanderzusetzen. Mehr noch, in allen vier Besatzungszonen zeigt sich bald eine neue Welle des Antisemitismus. Eine Welle von Zerstörungen jüdischer Friedhöfe erschüttert das Land.

In München wird im November 1945 das Gerücht verbreitet, befreite KZ-Häftlinge würden den Novemberterror 1938 an ehemaligen Nationalsozialisten rächen wollen. Der Oberbürgermeister muss die Stimmung beruhigen.

Warum wir dennoch heute hier versammelt sind, warum seit mittlerweile vier Jahrzehnten Abertausende vor allem auch nichtjüdischer Deutscher mit Schweigegängen, Konzerten, Vorträgen oder Gottesdiensten des Terrors 1938 gedenken, welche Auf- und Abwärtsbewegungen im Erinnern es gab, all dies dokumentiert diese Ausstellung.

Lassen Sie mich aus Berliner Perspektive einige Wegmarken dieser lange zwischen West und Ost geteilten Gedenkgeschichte kritisch reflektieren.

Da ist zum einen das langsame Aufblühen des Novembergedenkens in West-Berlin, das seinen Weg heraus aus den jüdischen Gemeinden und Verfolgtenverbänden findet.

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Gewerkschaften, und auch der Senat stellen es auf eine breitere Basis. Dabei herrschen aber ungeschriebene Gesetze: Es bleibt häufig bei pathetisch-normativen Appellen; sie werden nur begrenzt historisch konkretisiert.

Es wird viel von Scham gesprochen, zugleich jedoch ist die juristische Aufklärung der Verbrechen vom November 1938 zum Stillstand gekommen.

Es ist davon auszugehen, daß sich 1938 in Berlin bis zu 10.000 Personen an ihren jüdischen Nachbarn und Nachbarinnen und deren Eigentum vergangen hatten.

Weniger als zwei Dutzend Anklagen werden nach dem Krieg erhoben; auch die Ostberliner Justiz wird kaum tätig. Bis heute fehlen uns damit wichtige Hinweise auf das Tatgeschehen in Berlin.

Darauf wird zurückzukommen sein.

Nicht verschwiegen werden darf zweitens, dass die kleine jüdische Gemeinde im Ostteil der Stadt zur Jahreswende 1952/53 Ziel einer im gesamten sowjetischen Herrschaftsbereich grassierenden antisemitischen Hetzkamapagne wird, die sich gegen »Kosmopoliten« und »Zionisten« richtet.

Im Januar 1953 entscheidet sich etwa ein Drittel aller in der DDR lebenden Juden zur Flucht aus dem Land, die der bisherige Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden, der Auschwitz-Überlebende Julius Mayer, mit dem in Westberlin amtierenden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, vorbereitet hatte.

Danach verliert die öffentliche Erinnerung an den November 1938 in der DDR zunächst an Bedeutung.

Sie lebt erst zum 25. Jahrestag, 1963 wieder auf. In den folgenden Jahrzehnten folgt sie meist der starren Form von Gedenkstunden, Kranzniederlegungen und gegenseitigen formellen Erklärungen des Staates und der jüdischen Gemeinden.

Zu sprechen sein wird drittens von der Krise des Erinnerns im Westen um 1968.

Das mag paradox erscheinen, wird dank der Studentenbewegung doch vom Nationalsozialismus so oft gesprochen wie nie zuvor.

An der Vertiefung geschichtlichen Wissens zur Judenverfolgung besteht aber kaum Interesse, ebenso wenig an bisherigen Formen des Novembergedenkens.

Der Bruch von Teilen der deutschen Linken mit Israel, spätestens nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, verfestigt die Spaltung der Geschichtskultur.

Der Tiefpunkt dieser Entwicklung ist die Platzierung eines Sprengsatzes im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße am 9. November 1969, mutmaßlich durch die Splittergruppe Tupamaros West-Berlin.

Auf einer Veranstaltung des Republikanischen Clubs in der Wielandstraße unter dem Titel »Palästina – ein neues Vietnam?« wird damals ein antisemitisches Bekennerschreiben herumgereicht, das einen direkten Bezug zur »Kristallnacht« herzustellen versucht.

Und schließlich ist da viertens die rasche Aufwärtsentwicklung, die das Erinnern in beiden Stadthälften nur ein knappes Jahrzehnt später durchläuft.

Aus der Perspektive unseres Gedenkjahres 2018 markiert der 9. November 1978 gewissermaßen einen Zirkeltag.

Vor vierzig Jahren wurde also der vierzigste Jahrestag begangen, und dieser ist nach der Krise des Gedenkens Auftakt zu einer epochale Veränderung .

»Es ist, als sei ein Damm geborsten«, schreibt die New Yorker Zeitschrift Aufbau im Dezember 1978 zu den zurückliegenden Veranstaltungen in der Bundesrepublik.

In West-Berlin ziehen 5.000 Menschen in einem Schweigemarsch von der Levetzowstraße zur Fasanenstraße.

Der Regierende Bürgermeister kündigt dort die Gründung eines Instituts an der Technischen Universität an, das sich »Ursachen und Auswirkungen« des Antisemitismus befassen soll, das heutige Zentrum für Antisemitismusforschung.

Zahlreiche, nun auch kirchlich organisierte Veranstaltungen in der DDR markieren auch dort ein neues Interesse an Geschichte.

In beiden Stadthälften kulminiert das Erinnern auf unterschiedliche Weise zum 50. Jahrestag im November 1988.

Internationale Beachtung fand vor allem das Bemühen der DDR-Führung um die jüdische Gemeinschaft.

Bleibendes Ergebnis dieser Tage ist der Beschluss, die Ruine der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße wiederherzurichten.

Wie wird man diesen Tag in der Geschichte nun aber nennen?

Diese Frage wird bereits seit 1978 immer drängender.

Und der Weg eine Antwort zu finden, ist noch nicht beendet, wie ein kurzer Abriss zeigt:

Das Novembergedenken war stets geprägt von der Suche nach adäquaten Bezeichnungen.

Nach 1945 erinnert sich Deutschland der Ereignisse als »Tag der deutschen Scherbe«, als »Synagogensturm« oder »Reichstrümmernacht«, schließlich setzt sich »Kristallnacht« bzw. »Reichskristallnacht« durch.

Das Unwohlsein mit dieser verharmlosend empfundenen Bezeichnung, die angeblich dem Berliner Volksmund entstammt, ist so alt wie seine Verwendung.

In der DDR behielt stets das Wort »Pogrom«, das schon in der frühen jüdischen Publizistik und im kommunistischen und sozialdemokratischen Exil zu finden ist, gewisse Bedeutung.

Es beginnt sich nun breiter durchzusetzen.

Einer neuen Generation nichtjüdischer Deutscher geht es um die Vermittlung der Unmittelbarkeit des gewalthaften Geschehens, und der Pogrombegriff scheint diese auszudrücken.

Wie das Wort »Kristallnacht« verwendet die Ausstellung den Ausdruck »Pogrom« nur als historisches Zitat, denn die Forschung betrachtet auch die Verwendung des Wortes Pogrom für die Vorgänge 1938 zunehmend kritisch.

Zu sehr ist der Begriff „Pogrom“ verbunden mit dem spontanen Charakter von Übergriffen, mit dem grausamen Ausagieren ethnischer Konflikte über längere Zeiträume, vor allem aber mit der Untätigkeit der Staatsmacht.

All dies trifft für 9. November 1938 nicht zu.

Er war nicht spontan – er war gewollt, von „oben“ gewollt – er war nichts anderes als Staatsterror. Und wie wir heute wissen nur der Auftakt zu unfassbaren, singulären Verbrechen gegen Menschen jüdischen Glaubens in Berlin, Deutschland… und Europa.

Meine Damen und Herren,

der kurze Rückblick zeigt, Erinnerung ist dem Wandel unterworfen, und manche Fragen bleiben auch 80 Jahre nach dem Novemberterror 1938 noch offen.

Dass wir aber nicht aufhören zu diskutieren, weiter zu fragen, nicht im Gedenken verharren, sondern uns fortgesetzt mit den Ereignissen auseinandersetzen… ist möglicherweise wichtiger als „die eine Antwort“ auf die Frage.

Zumindest für Berlin bedarf es auch weiterer Forschungen, denn noch immer haben wir keinen genauen Überblick über die Anzahl der angegriffenen Geschäfte und Wohnungen und ihre Lage in den Stadtbezirken.

Eine Sichtung der Lebensläufe und Angaben der Opfer in Wiedergutmachungs- und Entschädigungsverfahren wäre ein Weg, ansatzweise Antworten zu finden.

Allein die Zahl der Entschädigungsakten, etwa 200.000 für Berlin, zeigt, was die Geschichtsschreibung bei diesem Thema noch vor sich hat.

Zugleich bedarf es des Engagements der Zivilgesellschaft, den vor einigen Jahrzehnten eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

In Zeiten, wo rechte Kräfte neue Opfermythen verbreiten, von »Umvolkung« sprechen und sich in einem kruden Verständnis von »Widerstand« auch auf demokratische Traditionen zu berufen versuchen, vom Hambacher Fest bis zur »Weißen Rose«, ist sachliche Aufklärung über die Geschichte und Empathie mit den Opfern umso wichtiger.

Dies leistet diese Ausstellung der beiden Stiftungen Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Topographie des Terrors, der ich viele Besucher und Besucherinnen wünsche.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.