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„Bei uns zu Hause wurde nicht über Politik geredet“

Benn trifft Rennefanz im REH

Die berühmte Zeitmaschine des Schriftstellers H. G. Wells war ein beachtliches Vehikel, aber wenn es darum geht in die Vergangenheit zurückzureisen, ist so eine Maschine gar nicht nötig. Spannend wird es dann, wenn Menschen sich darüber austauschen, wie sie die selbe Zeit erlebt haben, und das kann ähnlich oder vollkommen unterschiedlich sein. Am Freitag, 17. Mai um 19 Uhr, trafen sich der Pankower Bezirksbürgermeister Sören Benn (DIE LINKE) und die Journalistin und Buchautorin Sabine Rennefanz in der Raumerweiterungshalle (REH) in der Kopenhagener Straße 17, um in einer kleinen Talkrunde zurück in die DDR zu reisen. Vor voll besetztem Haus sprachen sie über den Alltag, ihre Eltern, die Volksarmee und wie sich all das verändert hat in der Wendezeit. Dabei ging es ihnen nicht darum, die großen historischen Ereignisse zu bewerten, sondern wie jeder sie ganz persönlich und privat erlebt hat.

Benn wollte zu Beispiel wissen, wie es denn so war im Hause Rennefanz zu leben. „Bei uns zu Hause wurde nicht über Politik geredet“, war die Antwort von Rennefanz. Ihr Vater sei zwar bei der Volksmarine gewesen, wollte aber danach nichts mehr mit dem Staat zu tun haben. Ihre Mutter bekam, weil sie sich gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings ausgesprochen hatte, bei einem Fahnenappell einen öffentlichen Verweis. Beide zogen sich in ihr Privatleben zurück. In Benns Elternhaus war die Situation ähnlich. Er erzählte, dass seine beiden Eltern Lehrer waren und deswegen immer Angst hatten, aus dem Schuldienst entfernt zu werden. Er selbst versuchte sich so viele Freiheiten wie möglich zu schaffen. Statt einem Brieffreund in der Sowjetunion, so wie das üblich und erwünscht war in der DDR, suchte er sich lieber einen aus Polen, den er häufig in den Sommerferien besuchte. Dort erlebte er die ersten großen Demonstrationen, den politischen Aufbruch rund um die Gewerkschaft Solidarność und brachte politische Sticker nach Hause mit, die ihm seine Eltern sofort abgenommen haben.

Wie denn ihr erster Eindruck von Westen war, wollte Benn als nächstes von Rennefanz wissen. Sie sei ein wenig enttäuscht gewesen, sagte Rennefanz und erzählte, dass ihre Bekannten in Reinickendorf ein kleineres Haus als sie selbst gehabt hätten, was sie sehr überrascht habe. Von ihrem ersten Begrüßungsgeld kaufte sie sich eine lilafarbene Lewis-Jeansjacke. Zur selben Zeit war Benn bei der Nationalen Volksarmee, deren Offiziere zur Wendezeit sehr verunsichert gewesen seien, weswegen sich die einfachen Soldaten mit vielen Forderungen durchsetzen konnten: Soldatenräte, Soldatenradio, Frühsport abschaffen. Vor Allem wollen sie sich damals nicht „vergattern“ lassen. „Wir schießen nicht auf unsere eigenen Leute“, war ihr Motto und deswegen blieben sie in den Kasernen, als die Menschen in großer Zahl zu Demonstrationen versammelten.

Die Zeitreise durch das Ende der DDR aus der Sicht von Rennefanz und Benn ging weiter zur Schulzeit der beiden, der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz am 9. November 1989, bis hin zur Situation in Pankow und Berlin heute, mit den Problemen, denen sich Familien und ganz besonders berufstätige Mütter stellen müssen. Das sind auch häufig die Themen der Kolumnen, die Rennefanz für die Berliner Zeitung schreibt. Ihre beiden Bücher „Eisenkinder“ und „Die Mutter meiner Mutter“ drehen sich um die Härten von Umbruchszeiten, nach der DDR und nach dem Krieg. In der Diskussionsrunde am Ende der Veranstaltung ging es neben den Themen Wendezeit auch um aktuell Politisches, wie etwa die Verkehrsplanung oder die Situation am Pankower Tor.

Organisiert wurde die Veranstaltung vom Bezirksvorstand und der Basisorganisation Valentin der Pankower LINKEN. Der nächste Termin für „Benn trifft“ wird voraussichtlich im Oktober sein.


Text: Oliver Schmitt | Fotos: Sandra Brunner, David Danys