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Stefan Liebich auf der "Colosseum Demo"

extraDrei

Kolossales Verwaltungsversagen beim Kino "Colosseum"

#Rettet das Colosseum

Es gibt Vorgänge in der Verwaltung, die einem auch nach längerer Beschäftigung und mehreren Akteneinsichten nicht klarer werden. Man staunt, man versteht, man stellt sich neue Fragen, man findet Antworten – und doch: Man staunt, man kann es einfach nicht fassen und der Ärger bleibt. So geht es vielen und auch mir bei den Vorgängen um die Schließung des Traditionskinos "Colosseum" in der Schönhauser Allee.

Die Geschichte des "Colosseum" ist lang und wechselhaft. Anfang der 1920er Jahre wurde das Straßenbahn- und Busdepot aus dem Jahr 1894, dessen Mauern teilweise noch sichtbar sind, zum Kino mit tausend Plätzen umgebaut. Im Zweiten Weltkrieg geschlossen und als Lazarett und später als Wärmehalle genutzt, wurde es – nach einer Zwischennutzung als Spielstätte des "Metropol"-Theaters – 1957 nach Umbauten als Kino wiedereröffnet. Es war jahrelang DAS Premierenkino der DDR-Hauptstadt. Die Wende und die Privatisierung hat das Kiezkino durch den Erwerb durch den Filmproduzenten Artur "Atze" Brauner 1992 überstanden, der es zum Multiplex umbauen ließ und die Kapazität auf 2.800 Plätze erweiterte. 2006 übernahm das US-Unternehmen UCI als Betreiber das Kino. Es blieb ein wichtiges Kino für den Kiez. All das ist nicht nur den Denkmalschützer*innen Berlins wohl bekannt. Trotzdem standen sie Gewehr bei Fuß, als Pläne auftauchten, das Kino zu liquidieren.

Artur Brauners Erben meldeten im Mai mit Hinweis auf die Covid-bedingten Ausnahmeausfälle die Insolvenz des Kinos an. Da hatten sie aber bereits mehr als ein Jahr ihre Pläne für einen Umbau und eine Umnutzung der Immobilie betrieben, wie erst nach und nach bekannt wurde. Die Schließung des Kinos löste Proteste der Mitarbeiter*innen und vieler Stammkund*innen aus, erste Nachfragen und die Einsicht in die Akten brachten ein veritables Versagen der Verwaltung ans Licht. Natürlich hat die Verwaltung die gesetzliche Aufgabe, Investor*innen bei ihren Bau-Absichten zu beraten und so auch darüber zu reden, welche Rahmen des Denkmalschutzes bestehen. Offenbar war dabei aber vor allem von Bedeutung, dass Reste von historischen Gebäudemauern erhalten bleiben, wenn das Kino "Colosseum" verschwindet. Alles Dienst nach Vorschrift. Im "Bauausschuss" der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Pankow wurde der Vorgang am 18. August ausführlich und kontrovers debattiert. Während Almuth Tharan (Grüne) darauf verwies, dass bereits mit der Ansiedlung eines Kinos in der Kulturbrauerei ein unguter Verdrängungswettbewerb entstand, kritisierte ver.di-Gewerkschafter Jörg Reichel das devote Entgegenkommen der Behörden bei der Investorenbegleitung.

Unglaublich erscheint, dass die Nachricht davon erst nach einem Jahr beim zuständigen Stadtrat Kuhn (Grüne) ankam. Wurde die Existenz des "Colosseum" durch das dröge Festhalten der Verwaltung an weltblinden Verfahrensschritten verspielt? Man staunt, man ärgert sich, man macht weiter. Wir kämpfen um eine Zukunft für das "Colosseum".


Matthias Zarbock
Vorsitzender der Linksfraktion