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1. Mai 2017 extraDrei

Jugendlich wirkender Bürgermeister

Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn im Portrait

Die Tür geht auf. Ein lautes „Guten Morgen“ klingt durch das Vorzimmer, das von einem doppelten „Guten Morgen Herr Benn“ beantwortet wird. „Sie sind aber pünktlich.“, bekommt der neue Chef zu hören, als wäre das nicht jeden Tag der Fall. Die Atmosphäre ist gelöst, der neue Bezirksbürgermeister ist beliebt bei den Beamt*innen und Angestellten in den Pankower Ämtern. Zuerst muss Sören Benn, linker Bezirksbürgermeister von Pankow, aber in die anstehende Bezirksamtssitzung, dem wichtigsten Organ des Bezirksamtes. Hier treffen sich Bürgermeister und die weiteren vier Bezirksstadträt*innen und fassen in geschlossener Sitzung ihre gemeinsamen Beschlüsse.

Das Pankower Bezirksamt war zuletzt nicht vollständig, weil die AfD erst ewig auf einem unwählbaren Kandidaten beharrt hat. Somit mussten die Aufgabenbereiche des AfD-Stadrats durch die anderen Stadträt*innen mit erledigt werden, auch durch den Bürgermeister. Die Tagesordnung ist prall gefüllt. Entsprechend lang dauert die Sitzung. Drei Stunden Besprechen und Beschließen. Wer nach einer solchen Sitzung nicht rauchen gehen muss, ist wirklich überzeugte*r Nichtraucher*in.

Es ist Mittag. Das bedeutet für Sören Benn nicht etwa Pause und Mittagessen sondern Mails lesen, weil der nächste Termin schon bevorsteht. Die Pankower Initiativen gegen Rassismus kommen zum Kennenlern-Treffen ins Rathaus. Eigentlich nicht nötig, denn alle, die bei diesem Treffen dabei sind, kennen sich schon seit Jahren Aber es ist  wichtig, dass Moskito und die Mobile Beratung gegen Rechts Sören Benn in seiner neuen Funktion aufsuchen. Gerade von einem  links geführten Bezirksamt erwarten die Antifaschist*innen im Bezirk Unterstützung in ihrer Arbeit.

Auch bei diesem Gespräch ist eine Vertrauensebene zu bemerken, die nicht zuletzt aus der offenen Art Benns resultiert, mit der er auf seine Gesprächspartner*innen zugeht und ihnen aufmerksam zuhört. Anbiederei darf man jedoch nicht erwarten. In seiner Art, politisch zu debattieren, kann man ruhig von schonungsloser Ehrlichkeit sprechen. Er verheimlicht nichts, macht keine losen Versprechungen und entschuldigt sich nicht für Dinge, die er nicht verschuldet hat. Bei den meisten Bürger*innen im Bezirk kommt das gut an.

So am Abend im Stadtteil Buch. Sören ist eingeladen, um auf der Bürgerversammlung Rede und Antwort zu stehen. Als sich der Bürgermeister an den Tisch im großen Saal der Bucher Fest-Scheune setzt, ist er guter Dinge. Und er soll Recht behalten. Entgegen mancher Erwartungen regen sich die Bucher*innen nur sehr wenig über die neue Unterkunft für Geflüchtete auf. Im Mittelpunkt der Sorgen stehen der schlechte Zustand mancher Straßen, die mangelnde Beleuchtung in Randbereichen und der Standort der geplanten Bibliothek, die künftig Karow und Buch gemeinsam mit Lesestoff versorgen soll. Die meisten Bucher*innen wünschten sich eine stärkere Entwicklung des Bucher Ortskerns. Wer will schon in einem lärmbelasteten Wohngebiet wohnen, in der kein richtiges Kiezleben stattfindet und in dem es wenig soziale Infrastruktur gibt?

Na Sören Benn jedenfalls nicht und das sagt er auch. Er schafft es, die Anwesenden selbst zu dieser späten Stunde (mittlerweile ist es 22 Uhr) mit seiner Energie zu überzeugen, dass Buch lange nicht so schlecht da steht, wie sie glaubten. Es gibt längst ein Entwicklungskonzept und das ist vielversprechend. Im Bucher Boten wird er später als „jugendlich wirkender Bezirksbürgermeister“ betitelt werden. Außer ihm widerspricht aber niemand.

Oliver Höfinghoff