»Sand und Sonne« steht in geschwungener Schrift auf dem gelben T-Shirt. Darunter Palmen, ein Dampfschiff und der Schriftzug »Südsee Kreuzfahrt – Palau & Marshall Inseln«. Doch was aussieht wie ein gewöhnliches Freizeit-Shirt, ist ein Kleidungsstück, das Kenner und Mitglieder rechtsextremer Szenen verrät: Hier läuft eine Kameradin oder ein Kamerad.
Anders als zu Beginn der 90er Jahre, in denen Springerstiefel, Bomberjacke und Glatze halbwegs verlässliche Erkennungszeichen waren, sind die heutigen rechtsextremen Codes und Symbole oft schwerer zu erkennen.
Das gelbe T-Shirt enthält gleich mehrere: Die Südsee-Kreuzfahrt führt nach Palau und zu den Marshall-Inseln. Diese waren vor 100 Jahren Teil des kolonisierten Deutsch-Neuguinea. Doch das Schiff im Hintergrund ist keineswegs ein Kreuzfahrt-Dampfer, sondern ein Kriegsschiff der deutschen Marine während des Ersten Weltkrieges. Im Nacken schließlich findet sich die Losung »Heia-Safari«, der Titel mehrerer deutscher Marschlieder aus beiden Weltkriegen. Ob die beiden Palmen im Nacken nur zufällig dem Logo des deutschen Afrika-Korps ähneln, sei in diesem Zusammenhang dahingestellt.
Doch nicht nur Erkennung von Gleichgesinnten durch verborgene Codes, auch die Einschüchterung von allen, die als Gegner ausgemacht werden, gehört zur ästhetischen Funktion von Thor-Steinar-Kleidung: »Kontaktfreudig« steht auf einem anderen Shirt, unterlegt wird diese Kontaktfreudigkeit von Blutspritzern. »Hausbesuche« droht ein weiteres Motiv mit einer automatischen Waffe an.
Je verbreiteter solche Motive in der Öffentlichkeit sind, desto normaler werden rechtsextreme Symbole und mit ihnen auch rechtsextremes Denken und Handeln.
Das Ringen um Hegemonie im Alltag ist nämlich keineswegs symbolisch. Am Ende steht die Frage: Wer kann sich in welcher Gegend angstfrei bewegen - und wer nicht? Damit ist auch klar: Demokratische Alltagskultur verträgt sich nicht mit Thor Steinar.
Sebastian Wehrhahn