Gartendenkmal Hirschhof
Der Hirschhof in der Oderberger Straße wurde zwischen 1982 und 1985 auf mehreren zusammengelegten Hinterhöfen durch die Eigeninitiative der Bewohnerinnen und Bewohner der Oderberger Straße und unter dem Argwohn der damaligen staatlichen Stellen geschaffen. Während die Anwohner das Grünflächendefizit in diesem Teil des Prenzlauer Berges beheben wollten, war der Totalabriss der Oderberger Straße für die DDR-Stadtplaner längst ausgemachte Sache. Das damalige staatliche Misstrauen war in seiner kruden Logik insofern berechtigt, als dass aus dem unverfänglichen “Nachbarschaftsgarten” bald ein Begegnungsort wurde, der weit über die bloße “Nachbarschaft” hinaus ausstrahlte. In unmittelbarer Mauernähe wurden in dieser “Grünanlage” ursprüngliche staatliche Organisationseinheiten wie ein Wohnbezirksausschuss zu Keimzellen des Widerstandes gegen den SED-Staat. Sie wurde zu einem Treffpunkt sogenannter Halbstarker genauso wie zum Treffpunkt der wachsenden DDR-Opposition wie des künstlerischen “Untergrundes” des Prenzlauer Berges – mit fließenden Grenzen zwischen all diesen Gruppen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) legte eine Akte “Hirschhof” an. Noch in den frühen neunziger Jahren wurden auf dem Hirschhof die beiden größten Mieterdemonstrationen organisiert, die es in Berlin je gab. In bewusster Anlehnung an die alte Abkürzung der Wohnbezirksausschüsse, WBA, organisierte sich hier die Initiative “Wir bleiben alle”, W.B.A. Lange, nach dem die Mauer verschwunden ist, bedrohen nun Grundstücksgrenzen den Bestand des Hirschhofes. Die neuen Eigentümer der anliegenden Häuser verwehrten zunächst den Zutritt zu der Anlage und wollen sich nun mit Hilfe der Gerichte ganze Teile davon zur ausschließlich privaten Nutzung herausschneiden. Es wird bestritten, dass es sich überhaupt um eine öffentliche Grünanlage handelt. Aus diesem Grund hat die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) auf Antrag der Linken und mit den Stimmen von SPD und Grünen beschlossen, den Hirschhof in seiner ursprünglichen Form als öffentlich zugängliches Gardendenkmal zu widmen. Der Hirschhof ist keine Kirche, kein repräsentatives Gebäude – er ist ein Garten. Ein Garten mit einer Stasi-Akte. In unmittelbarer Nähe hat sich das Drakonische der DDR in Beton und Stacheldraht manifestiert. Die Opposition saß im Grünen. Das machte ihre Kraft aus. Darum ist dieser Ort denkmalwürdig. Verschlösse man ihn vor der Öffentlichkeit, tötete man seinen Geist.
Wolfram Kempe
Bezirksverordneter