Christa Wolfs neues Buch
Stadt der Engel
Wohin sind wir unterwegs? Das weiß ich nicht. - Mit diesen Worten endet Christa Wolfs "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Abschied von Angelina, dem Schutzengel, und Abschied von neun langen kurzen Monaten, die Christa Wolf auf Einladung des Getty Centers in Los Angeles verbrachte. Siebzehn Jahre ist das inzwischen her. Das jüngst erschienene Buch - autobiografische Prosa - beschreibt diese Selbsteinkehr der großen Schriftstellerin am anderen Ende der Welt. Bohrende Selbstbefragung, Selbstgespräch. 415 Seiten lang, schonungslos, nachdenklich, redlich, zuweilen fanatisch nach Wahrheit suchend. Ein Herzklopfenbuch. Denn die dringlichen Fragen der Christa Wolf sind eigentlich Jedermannsfragen: Warum eigentlich ist man in der DDR geblieben. Und ab wann hat man gefühlt, geahnt, gewusst, dass die große Utopie gescheitert, das Experiment im Eimer ist? Christa Wolf stellt diese Fragen natürlich nicht so plump, sondern sie schreibt damit - wie in all ihren Büchern - an gegen das Vergessen. Wie wahrhaftig kann die eigene Erinnerung sein? "Vielleicht…wird man sagen, sie haben zuletzt ohne Illusionen, aber nicht ohne Erinnerung an ihre Träume gelebt. An den Wind Utopias in den Segeln ihrer Jugend." Christa Wolf legt diesen Satz ihrem Seelenverwandten Gutmann in den Mund. Und er ist vielleicht eine Art Schlüssel. Denn wie die heutige Christa Wolf sich der Christa Wolf nähert, die eben in jener "Stadt der Engel" mit ihrer IM-Täterakte konfrontiert wird, zeigt, wie aufgebraucht diese Träume sind, wie verflogen alle Illusionen: "Du hast doch niemandem geschadet!" So trösten sie die Freunde. Wolfs Antwort: "Doch…mir selbst." Mögen Kritiker haufenweise über dieses Buch und die Schriftstellerin herfallen - es ist, was bleibt. (Suhrkamp, 415 S., 24,80 Euro)
Gisela Blank