Frida Kahlo Retrospektive
Betörend verstörend
Wenn man Frühaufsteher oder Nachtschwärmer ist, hat man meistens Glück. Dann kann man schon in zehn, fünfzehn Minuten bei Frida sein. Ansonsten muss man sich zumeist in Geduld in der Schlange vor dem Martin-Gropius-Bau üben, in dem das ungewöhnliche Werk einer ungewöhnlichen Künstlerin (1907-54) ausgebreitet ist. Vieles darunter, das erstmals dem Publikum zugänglich ist, so bis zu 90 bisher unveröffentlichte Zeichnungen. Und erstmals sind hier die beiden großen Kahlo-Sammlungen in einer Schau vereint. Dazu Familienfotos, die Kahlos Großnichte zur Verfügung stellte, Werke aus privaten Sammlungen… Ein Fest für die Augen, ein Rausch der Farben. Die Mexikanerin mit den auf der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen gehört zu den großen Identifikationsfiguren der Kunst Lateinamerikas. Am 7. Juli feiert die Kunstwelt den 100. Geburtstag der ungewöhnlichen faszinierenden Frau. Das Datum allerdings stimmt nicht, Kahlo hat es selbst so festgelegt. Nicht, weil sie sich verjüngen wollte, sondern, weil an diesem Tag die mexikanische Revolution ihre Geburtsstunde hatte. Und der fühlte sich Frida Kahlo zeitlebens verbunden. An die 150 Gemälde hat sie der Nachwelt hinterlassen, davon sind ein Drittel Selbstporträts. Bohrende Selbstbefragungen. Fremd und geheimnisvoll, vertraut und offen. Als Frida gerade mal 19 war, veränderte ein grausamer Bus-Unfall ihr ganzes Leben. Eine Stahlstange bohrte sich durch Becken, Hüfte, Vagina. Lebensgefährliche Verletzungen, unausgesetzte Schmerzen. Sie lag lange Zeit ihres Lebens in einem Gipskorsett, konnte sich selbst dabei in einem Spiegel sehen, den ihr die Mutter schenkte. Und Frida malte, malte, malte. Erkundet ihr Gesicht, sich selbst, das Leben. Leben im eigenen Spiegel. Die schmerzensreichen Erfahrungen der jungen Frau prägten ihr Leben, ihre Kunst ebenso wie die Freundschaften mit großen Geistern ihrer Zeit: Leo Trotzki, Andre Breton, Diego Rivera, mit dem sie zwei Mal verheiratet war, der sie einerseits künstlerisch unterstützte, aber auch vereinnahmte, betrog und gleichzeitig vergötterte… Die Malerin, die als Autodidaktin Weltruhm erlangte, hat uns gleichermaßen betörende wie verstörende Bilder hinterlassen. Wir beginnen gerade erst, sie zu entdecken. Das Geheimnis, das ihre Kunst birgt, werden wir wohl niemals ganz entschlüsseln. Aber dass sie für Generationen weit nach uns wichtig bleiben wird, ist sicher. Lesen nur einmal die vielen Liebeserklärungen im Gästebuch!
Gisela Blank
Frida Kahlo - Retrospektive bis 9. August im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7
Mi-Mo 10-20 Uhr, Di geschlossen, Eintritt: 10/8 Eur