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Boxhagener Platz  

Heimatfilm, der nicht tümelt  

Man riecht förmlich den Mief der Treppenhäuser, gruselt sich vor der Ornament-Tapete, schmeckt den Königsberger Klopsen nach, fühlt den Fisch in der BZ am Abend unter dem Arm des Fischhändlern noch zappeln... Er läuft und läuft. Seit zwei Monaten findet der "Boxhagener Platz" von Regisseur Matti Geschonneck ein amüsiertes und berührtes Publikum in den Hauptstadt-Kinos. Alltag in der DDR der 60er Jahre, genauer - in Berlin, am Boxi. "Ich wollte einen Berliner Heimatfilm drehen, eine Liebeserklärung an die Stadt und ihre Menschen." So Geschonneck (Sohn des verstorbenen großen Schauspielers Erwin Geschonneck) in einem Interview." Ich finde, es gibt zu viele Filme über die DDR, die nur dummes Klischee bedienen. Das wollten wir nicht. Wir wollten aber auch auf keinen Fall sentimentale Ostalgie aufkommen lassen!" Der Film bedient sich eines hochkarätigen Ensembles von Schauspielern. Bis in die kleinste Rolle. Allen voran die geniale Gudrun Ritter und ebenbürtig ihr zur Seite Michael Gwisdek. Die Ritter als Oma Otti schickt sich gerade drein, Ehemann Nummer sechs zu verlieren, der im Schlafzimmer vor sich hinröchelt. Doch Otti hat schon wieder ihre Antennen ausgefahren, einen Neuen aufs Korn genommen. Altkommunist Karl (Gwisdek) oder den alten Nazi Winkler (Horst Krause) aus dem Fischladen. Im Milieu rund um den Boxhagener Platz wohnen in ihren piefigen Wohnungen noch Ottis Sohn (Jürgen Vogel als Abschnittsbevollmächtigter), dessen aufgetuffte Frau (Meret Becker), die sehnsüchtig nach den materiellen Segnungen des goldenen Westens geiert und deren 14jähriger Sohn (Samuel Schneider). Und mittendrin mischt die Stasi auch noch mit. ´68 in Ostberlin, Frühling in Prag, Studenten, die in Westberlin auf die Straße gehen. Die großen politischen Ereignisse werden heruntergebrochen auf die kleine Welt der kleinen Leute. Und bei allem berlinischem Mutterwitz färbt der Ernst der politischen Ereignisse die Komödie durchaus auch schwarz ein. Ein Humor, der aber an keiner Stelle zur Klamotte verkommt, eine Sprache, die bis aufs I-Tüpfelchen genau Menschenzeichnung ist. Konkrete Sprache, bekannter Ort, gelebte Zeit - da könnte schnell mal Zonen-Exotik aufkommen. Kommt aber nicht. Denn Geschonneck verfügt so klug über seine filmischen Mittel, dass ihm ein Kunstwerk (ja, nicht nur ein Film, ein Kunstwerk!) gelingt, das weiter greift. Matti Geschonnecks Wahrheit ist einfach: Egal, unter welchen gesellschaftlichen Verhältnissen du lebst - charakterliche Eigenschaften wie Anständigkeit, Ehrlichkeit, Mut, sich zu bekennen, bleiben die Konstanten auch für die Generationen, die nach dir kommen. Er ist nicht unter seinem selbst formulierten Anspruch geblieben: „Vor allem möchte ich berühren. Es geht ja letztlich um Zeitloses, wie um die Wahrung der Würde, um mal ein ganz großes Wort zu benutzen.“

Gisela Blank