Kulturvoll
Werktage
Ein schwergewichtiges Buch. Nicht nur wegen seiner 998 Seiten. Volker Brauns "Werktage 1. Arbeitsbuch 1977-1989" sind ein ebenso klarsichtiger wie scharfsinniger Blick auf die intellektuelle Szene der DDR jener Jahre. Vergessenes oder Fastvergessenes wühlt der unbequeme Provokateur da auf. Prompt stellt sich beim Lesen das Gefühl ein, als hätten einen die Ereignisse gerade eben wieder erreicht. Lesen und nicht vergessen. Die Wut, die Hilflosigkeit, die Agonie, die Trauer. "heute abend wäre premiere GUEVARA gewesen", notiert Braun. Doch alle Versuche, die Kulturverwalter doch noch umzustimmen, waren vergeblich. Das Deutsche Theater brach die Arbeit an der Inszenierung "Guevara oder Der Sonnenstaat" ab. Weisung aus dem „hohen Haus“. Brauns Berichte sind mehr als nur Tagebuchnotizen. Sie geben sehr genau die Befindlichkeiten in jener kulturpolitischen Eiszeit nach der Ausbürgerung Biermanns wieder. Die Jahre unseres Missvergnügens. Wir treffen sie alle wieder – jene, die gingen oder abgeschoben wurden - Brasch, Kirsch, Kunert. Aber auch jene, die fast erstickten und dennoch blieben - Fühmann, die Wolfs, Heiner Müller... Illusionslos schreibt Volker Braun: "diese gesellschaft mit ihren losungen und laffen muss einmal auf den grund, sie muß sich zum grunde richten." Fragt sich also, was hielt einen so unabhängigen Geist wie Braun selbst noch in diesem untergegangenen Land, "in dem man am besten schreiben und am schwersten publizieren kann"? Er beschreibt es so: "ich bleib im lande und nähre mich im osten. mit meinen sprüchen, die mich den kragen kosten in anderer zeit: noch bin ich auf dem posten. in Wohnungen, geliehn vom magistrat und eß mich satt, wie ihr, an der silage. und werde nicht froh in meiner chefetage. die bleibe, die ich suche, ist kein staat. mit zehn geboten und mit eisendraht: sähe ich brüder hier und nicht lemuren. wie komm ich durch den winter der strukturen. partei mein fürst: sie hat uns alles gegeben und alles ist noch nicht das leben. das lehen, das ich brauch, wird nicht vergeben." Ziemlich verklärt allerdings schreibt er im Dezember 89 "nun müssen wir poesie nicht aus der zukunft reißen, wir erleben, wie sie in unserem augenblick geboren wird..." Na, na. Da sind die Gefühle des Überwältigtseins wohl auch mit dem Dialektiker Braun durchgegangen. Aber er nimmt sich nur zwei Wochen später mit einem Eintrag selbst wieder zurück: "aber es bleibt eine geringe spanne zeit. dann werden wir den möglichkeiten nachblicken." (Suhrkamp, 998 S., 29,80 Euro)
Gisela Blank