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Stammtisch  

Realos und Fundis  

Sonntag im Februar, das Wetter ungemütlich. Was tun? Karl, unser Nachbar, steht an der Pforte. „Kommst Du mit zum Eisernen Gustav?“, seine Frage. Ich dachte schon, wir haben einen neuen Schutzheiligen in unserer Kirche. Er sah mein Erschrecken. „Nein, nein, ich meine unsere heilige Elli“. Nun war alles klar. Unser Stammtisch war frei. Wir saßen noch nicht richtig, fragte Elli: „Wie immer?“ Wir nickten nur. Karl bekam ein großes Bier und einen doppelten Braunen und ich einen Apfelsaft und einen eiskalten Weißen. „Was ist denn bei euch in der LINKEN los?“, fragte Karl. „Die Realos gehen wohl den Fundis an den Kragen? Ihr seid doch die letzte Bastion, die treu zu ihren Standpunkten steht. Oder ist das Ossis gegen Wessis?“ „Na, erst mal Prost“. „Weißt du, Realos sind jene Genossen, die eine gute Arbeit in den Parlamenten leisten. Sie stehen ständig im Kampf, um Kompromisse im Interesse der Bürger zu erreichen. Man kommt sich näher und manchmal zu nahe. Sie glauben daran, dass durch Reformen die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert werden können. Sie brauchen einen fundierten Standpunkt.“ „Einen Klassenstandpunkt?“ „Na, nicht gleich übertreiben. Es genügt, wenn sie bei den Entscheidungen an die Konsequenzen für ihre Wähler denken“. Karl: „Und die Fundis?“ „ Die stehen fest und unbeirrbar auf marxistischen Grundlagen“, meine Erwiderung, „und wenn es sein muss, laufen sie gegen die Wand, bildlich gesprochen.“ „Und daraus ist dieser Konflikt entstanden, der die bürgerlichen Zeitungen zum Jubeln bringt?“ Das ist doch lösbar. „Ein bisschen Parteilehrjahr genügt vielleicht schon“, sein Einwurf. „Kompromisse sind immer notwendig“. „Na ja, und die Fundis sollen doch ihre Standpunkte beim Regieren erproben, dann merken sie schon, dass es ohne nicht geht.“ „So sehe ich das auch“, meine Ergänzung. „Und im Übrigen hoffe ich, dass mit den neuen Kandidaten für den Parteivorstand erste Lösungen vorgeschlagen wurden“. „Ganz so einfach ist es wohl nicht. Die Nostalgiker sind schon zur Gegenoffensive angetreten. Es geht wohl auch um Ossis gegen Wessis“. „Leider ist die Euphorie des Zusammenschlusses viel zu schnell verflogen.
“ Na, dann Prost!

Klaus Flemming