Der 4. November 1989 in Berlin – ein Weg zur Demokratie(eine Podiumsdiskussion, veranstaltet von der Fraktion DIE LINKE. im Abgeordnetenhaus von Berlin)
Beginn: 22 Uhr, Ort: Kino Babylon,
Gäste: Lothar Bisky, Konrad Elmer-Herzig, Gregor Gysi, Friedrich Schorlemmer, Joachim Tschirner, Marion Seelig
Moderation: Alfred Eichhorn, Luc Joachimsen
Zwanzig Jahre nach dem 4. November 1989 erinnert die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Fraktion DIE LINKE im Abgeordnetenhaus von Berlin an jenen Tag, an dem die erste große offiziell zugelassene Kundgebung in der Geschichte der DDR stattfand. Nach einem ambitionierten Tagesprogramm, in dem unter anderen die gesamte Fernsehübertragung der Großdemonstration des Fernsehens der DDR (knapp dreieinhalb Stunden) gezeigt wurde, begann um 22 Uhr die finale Diskussionsrunde im Kino Babylon.
Wie schon eine Woche zuvor in einer Pressekonferenz der Veranstalter angekündigt, hagelte es schon im Vorfeld nur so von Absagen seitens ehemaliger DDR- Bürgerrechtler.
Dabei unterstellte Vera Lengsfeld der Partei Die Linke, sie wolle sich im Zusammenhang mit der Friedlichen Revolution lediglich neu erfinden. Die Linke müsse man einfach mit der vor zwanzig Jahren untergegangenen SED gleichsetzen und demzufolge hätte sie moralisch auch kein Recht eine solche Veranstaltung stattfinden zu lassen.
Trotz dieser Verirrung fanden sich, zugegebenermaßen zu nachtschlafender Zeit, ungewöhnlich viele kritisch interessierte Besucher im Kino Babylon ein. Mit Konrad Elmer Herzig, Friedrich Schorlemmer und Marion Seelig waren auch drei VertreterInnen der DDR- Opposition auf dem Podium zugegen (auch wenn leider kein Vertreter des ehemaligen Neuen Forums erschien).
Marion Seelig, die von 1989 bis 1990 Sprecherin der Bürgerbewegung »Vereinigte Linke « war, betonte, dass es trotz des damaligen Versuchs der SED, die längst entglittene Kontrolle über die Ereignisse zurückzuerlangen, den Menschen gelang sich an diesem historischen Tag vom DDR-Vormundsstaat zu emanzipieren. Auch große Teile der SED- Basis begehrten auf und bildeten den Beginn eines längst überfälligen Reformprozesses. Als ein bis heute gut sichtbares Erbe der friedlichen Revolution ist der Umstand zu deuten, dass gerade im kommunalen Bereich sich das Verhandlungsprinzip des runden Tisches durchgesetzte. Auch der Forderung nach mehr Basisdemokratie wurde durch die Einführung von Bürgerbegehren oder Volksentscheiden teilweise entsprochen.
Konrad Elmer Herzig, evangelischer Pfarrer und Mitbegründer der 1989 neu gegründeten SDP, machte hingegen klar, welche Errungenschaften der friedlichen Revolution, schon mit dem Mauerfall untergingen. So wurde eine große Chance, auch für die Umgestaltung der westdeutschen Gesellschaft, sträflich vergeben. In Bezug auf die Bedeutung des 4. November als den Wendepunkt der friedlichen Revolution, gab er zu bedenken, dass die eigentliche Befreiung schon am Abend des 9. Oktober in Leipzig begann, und fordert gleichzeitig für dieses Datum einen nationalen Feiertag einzuführen. Wie viele seiner Mitdiskutanten stellte er die Frage, warum keine andere Partei außer der Linken dieses historischen Tages gedenken wolle.
Friedrich Schorlemmer evangelischer Theologe und 1989 zuerst Mitglied im demokratischen Aufbruch, später Mitglied der SDP und Unterzeichner des Aufrufes »Für unser Land« vom 26. November 1989, in dem sich die Initiatoren gegen eine deutsche Wiedervereinigung und für eine Eigenständigkeit der DDR aussprachen, erinnerte sich nicht nur an die schönen, bewegenden Momente dieses Herbstes, sondern auch an die allgegenwärtige Angst vieler Beteiligter, der Staat könne versuchen, ein letztes Mal zurückzuschlagen.
Lothar Bisky erklärte in diesem Zusammenhang, wie er als Professor und Rektor an der Hochschule für Film und Fernsehwissenschaften in Babelsberg seine Studenten, unter ihnen auch Andreas Dresen, dazu aufrief, die Ereignisse (u. a. die Großdemonstration auf dem Alexanderplatz) in Bild und Ton festzuhalten. Daraufhin bekam auch er Probleme mit seiner Partei.
Gregor Gysi versuchte einen Mandanten zu verteidigen, der nichts weiter verbrochen hatte, als an seiner Autoantenne die Losung Von Gorbatschow lernen heißt siegen lernen anzubringen. Zum Schluss stellten alle Beteiligten fest, wie wichtig gerade in der Wendezeit die Bereitschaft zum Dialog mit Andersdenkenden war. Mit der heutigen Diskussionsbereitschaft vieler der damaligen Protagonisten (z.B. Vera Lengsfeld) wäre der Runde Tisch jedenfalls nicht zustande gekommen.