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30. Mai 2017 Pankow

Tegel ist eine Zeitbombe.

Gastbeitrag von Stefan Liebich in der Berliner Zeitung.

Die Katastrophe kam am Sonntagabend und sie kam faktisch aus dem Nichts. Im Oktober 1992 stürzte im Amsterdamer Südosten ein Flugzeug aus Israel nach dem Start in einen Wohnblock. Neben den vier Besatzungsmitgliedern starben auch 39 Menschen am Boden. Als Ursache wurde Materialversagen ausgemacht, ein Triebwerk war beim Steigflug abgerissen.

Neun Jahre später auf der anderen Seite des Atlantiks. Gleichfalls kurz nach dem Start am New Yorker Flughafen JFK stürzte Flug 587 der American Airlines im November 2001 über Rockaway Beach ab und verwandelte die Wohnsiedlung in ein Flammenmeer. Keiner der 265 Menschen an Bord überlebte. Am Boden starben weitere fünf Personen. Die Ursache war diesmal ein Pilotenfehler.

Es sind nur zwei Beispiele die zeigen, dass Flughäfen inmitten einer Stadt nichts zu suchen haben, erst recht nicht inmitten einer Großstadt. Insbesondere das Amsterdamer Unglück, bei dem nur durch sehr viel Glück die Opferzahlen nicht noch höher ausgefallen sind, hatte in Berlin in den 90er Jahren wesentlich zu der Entscheidung beigetragen, den notwendigen neuen Airport nicht nur außerhalb der Metropole zu bauen, sondern mit seiner Inbetriebnahme auch die beiden innerstädtischen Flughäfen in Tegel und Tempelhof zu schließen. Es bestand ein breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens, die Gefährdungen und Belastungen durch den wachsenden Luftverkehr aus der Millionenstadt zu verbannen. Er mündete in einem rechtlich verbindlichen Planfeststellungsbeschluss, den 2006 auch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig bestätigte als es urteilte, „dass der planfestgestellte Ausbau des Flughafens Schönefeld unter Beibehaltung der beiden innerstädtischen Flughäfen fachplanerisch nicht gerechtfertigt ist“.

Schließung weiterhin notwendig

Dieser Konsens soll nun aufgekündigt werden – nicht nur von der Klientelpartei FDP, die per Volksentscheid mit fehlender Rechtsverbindlichkeit vor allem Stimmung machen will, sondern auch von der Berliner CDU, die zum Schrecken ihrer Parteifreunde in Brandenburg in einer Mitgliederbefragung entscheiden lassen will, ob Tegel nach Inbetriebnahme des BER geschlossen werden soll. Ganz nach dem Adenauer-Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern…

Dabei hat sich an der Notwendigkeit der Schließung des Flughafens Tegel kein Deut verändert. Mehr als 300.000 Menschen leben und leiden in seiner Einflugschneise, mindestens 200.000 von ihnen haben nach Ansicht von Experten einen Anspruch auf Lärmschutzmaßnahmen in ihren Wohnungen beziehungsweise auf eine Entschädigung. Denn Fluglärm macht krank, ohne Wenn und Aber. Aufgrund einer Lex TXL gelten in Tegel jedoch noch immer die völlig veralteten Regelungen des Fluglärmschutzgesetzes von 1971. Sollten sie, so wie es vorgesehen ist, 2019 endlich und endgültig auslaufen, würden bei einem Weiterbetrieb allein für den Lärmschutz Kosten von mindestens einer halbe Milliarde Euro auf die Flughafengesellschaft, und damit auf den Steuerzahler, zu kommen. Kein Wunder, dass beim Bund und vor allem in Brandenburg als Miteigentümer  keine Freude aufkommt.

Rekordauslastung, ob Tegel aus dem letzten Loch pfeift

In Tegel startet oder landet etwa alle zwei Minuten ein Flugzeug, 185.500 Flugbewegungen wurden im vergangenen Jahr gezählt, Rekord! Und das auf einem Flughafen, der aus dem letzten Loch pfeift, dem man seine Überlastung nicht nur ansieht, sondern die man mittlerweile auch auf Schritt und Tritt zu spüren bekommt. Stundenlanges Warten auf das Gepäck, verspätete Starts und Landungen, kleine, enge Abfertigungsbereiche, überforderte Sanitäreinrichtungen und konstant schlechte öffentliche Verkehrsanbindungen – der Airport wird auf Verschleiß gefahren. Es ist erst wenige Wochen her, dass ein Reiseportal anhand von Nutzerbewertungen Tegel zu den zehn schlechtesten Flughäfen weltweit zählt. Ein Weiterbetrieb dieses Flughafens als allgemeiner Verkehrsflughafen würde Investitionen erforderlich machen, welche die Milliardengrenze sicher überschreitet. Sozusagen ein BER 2. Das kann niemand wollen.

Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum bei FDP und CDU. Vielleicht geht es ihnen eher um eine künftige  Nutzung für Privat- Geschäfts- und Frachtflieger, sozusagen um eine Zukunft als elitärer Flugplatz mitten in der Stadt. Das wäre natürlich eine Verhöhnung all jener, die kürzlich auch angesichts vermeintlich günstiger Anreisewege zum Urlaubsflieger für einen Fortbetrieb Tegels gestimmt hatten. Und es wäre nicht weniger gefährlich. Erst kürzlich, im Januar dieses Jahres, sind beim Absturz eines türkischen Frachtflugzeugs nahe der kirgisischen Hauptstadt Bischkek 37 Menschen ums Leben gekommen. Das Unglück ereignete sich bei dichtem Nebel während des Landeanflugs. Die große Mehrheit der Opfer waren Anwohner, unter ihnen zahlreiche Kinder.

Aus: "Tegel ist eine Zeitbombe", Berliner Zeitung, 30.05.2017