Zur Veröffentlichung eines »Weihnachtsmärchens« aus der Feder des Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) erklärt Matthias Zarbock, kulturpolitischer und damit auch für Märchen zuständiger Sprecher der Linksfraktion in der BVV Pankow :
In regelmäßigen Abständen treibt der Finanzsenator neue phantastische Schweine durch's Dorf Berlin: Ob es die unerschöpflichen Einsparpotentiale der Bezirksverwaltungen sind, die schnurrige Unfähigkeit der Bezirkspolitiker, Seidenhaushalte aus Stroh zu stricken, die bizarren virtuellen Kosten, die den Bezirken gleich mehrmals in Rechnung gestellt werden oder die wundersame Vermehrung längst verschwundener Überausstattungen – großzügig ist der Senator nur, wenn er seiner Phantasie freien Lauf lässt. So ist es nicht überraschend, wenn er jetzt in einer Geschichte von Gänsen, Katzen und Papageien die Berliner Kultur, die Bildung und die Bezirke gleichermaßen verhöhnt. Wie so oft im Märchen findet auch hier vor dem heiteren Ende eine brutale Rache statt: Dann hat die Kultur gemerkt, dass sie für sich selbst sorgen muss, die Bildung liegt ohnmächtig darnieder, die Bezirke sind stumm vor Schreck und ein Fabelwesen wird gebraten – alle anderen leben herrlich und in Freude.
Thilo Sarrazin scheint zu glauben, er persönlich verteile Geschenke an unbelehrbare Kinder, die unter seine Vormundschaft gestellt sind. Schließlich ist ja Weihnachten. Wenn er sich spöttisch und verächtlich über die Bezirkspolitiker äußert, vergisst er, dass er damit auf gewählte Demokraten zielt, die ihrer verfassungsgemäßen Pflicht nachkommen und das mühsam bei ihm erbettelte Geld für Leistungen verwenden, die den Bürgern dieser Stadt zustehen. Ausgaben für Schulen und Kultureinrichtungen, Hilfeleistungen für sozial Schwache und junge Menschen verschlingen aber nicht Unsummen, sondern sind gut angelegte Investitionen in die Zukunft Berlins.
Wirklich neu ist es nicht, dass der Finanzsenator für Humor hält, was andere nur als geschmacklos empfinden – mit jeder neuen Stilblüte, die er den Berlinern zumutet, wird die Frage dringlicher: Wie oft darf er noch zeigen, dass er nicht versteht, was seine eigentliche Aufgabe ist und wozu er lieber schweigen sollte?
Eines ist jedoch neu: Diesmal nennt er seine Geschichte selbst ein »Märchen«. Ist es eine optimistische Täuschung, wenn man von ihm nach dieser Selbsterkenntnis nun auch Einsicht erhofft?