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14.12.2011

Erinnerung an »Die Palme«

Ds. VII-0043

Antrag der Linksfraktion


Die BVV möge beschließen:

Das Bezirksamt wird ersucht, in geeigneter Form (Gedenktafel oder eine ähnliche permanente, informative und öffentlich wahrnehmbare Gedenkform) an den Tod von 70 Obdachlosen zu erinnern, die Weihnachten 1911 in Folge einer Vergiftung im »Städtischen Obdach«, das sich im Gebäude des derzeitigen Krankenhauses Prenzlauer Berg befand, verstarben.

Eine Zusammenarbeit mit der landeseigenen Krankenhausgesellschaft Vivantes ist dabei anzustreben.

Begründung:

Das Denkzeichen soll zum einen an den konkreten tragischen Fall zu Weihnachten 1911 erinnern sowie zugleich den historischen Ort im Stadtraum markieren und seine Geschichte als »Städtisches Obdach« – »Die Palme« genannt –, das sich im Gebäude des derzeitigen Krankenhauses Prenzlauer Berg befand, ablesbar machen.
Wesentliche Orte der Stadtgeschichte der sogenannten Gründerzeit drohen aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden. Nicht, weil sie als Orte oder Gebäude nicht mehr kenntlich wären, sondern schlicht auf Grund des Nutzungswandels und des Bevölkerungsaustausches. Der Ortsteil Prenzlauer Berg, im Wesentlichen in der Gründerzeit errichtet und mit einem fast vollständigen Austausch seiner Bewohner(innen)schaft konfrontiert, ist davon besonders betroffen.

Im wortwörtlichen Sinne im Schatten des Gaswerkes Prenzlauer Berg gelegen, betrieb die Stadt Berlin ab 1885 an der Fröbelstraße ein städtisches Siechenheim – das heutige Bezirksamtsgelände – und daneben das offizielle Städtische Obdach, in das nach dem ersten Weltkrieg das Krankenhaus Prenzlauer Berg einzog. Unter seinem Spitznamen »Die Palme« hat es vielfach Eingang in die in Berlin entstandene Literatur und Kunst des frühen 20. Jahrhunderts gefunden. Dieses Asyl konnte täglich von 16 bis 2 Uhr von Bedürftigen aufgesucht werden, und musste am nächsten Morgen um 6 Uhr von ihnen verlassen worden sein. Auch an den Weihnachtsfeiertagen. Außer im Jahr 1911. Damals starben hier 70 obdachlose Männer an einer Vergiftung mit verdorbenen Bücklingen, die sie bei einem dubiosen Zwischenhändler der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz gekauft hatten.

Der Vorgang erregte seinerzeit nur Aufsehen, weil der Ausbruch einer Seuche befürchtet wurde. Insbesondere sozialdemokratischen Zeitungen wie der »Vorwärts« oder die »Gleichheit« wiesen hierbei jedoch auf die sich offenbarende soziale Misere der aufstrebenden Reichshauptstadt hin.

Im Gebäude des derzeitigen Krankenhauses fallen Sozial- und Zeitgeschichte der Stadt Berlin in Eins. Der Bezirk Pankow sollte seine diesbezügliche Verantwortung für die Erinnerungskultur wahrnehmen.